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Get up! Stand up!
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Robert, so nenne ich ihn seit Jahren, hat ein rostiges Fahrrad. Einmal pro Woche schiebt er es in unseren Hof. Wühlt in den Mülltonnen. Findet immer mal wieder Pfandflaschen und verstaut sie in den mitgebrachten Plastiktüten. Duckt sich weg. Macht sich krumm. Ist eigentlich gar nicht da, nichts als ein blickloser Sammler. Und doch.

Heute morgen trägt er plötzlich eine Rasta-Mütze auf den langen Haaren. Schön bunt und irgendwie Jamaica: Get up, stand up! Ich flüstere vom Balkon hinunter, daß mir die Mütze gefällt. Er blickt kurz zu mir herauf. Hat blaue Augen und ein richtiges Gesicht. Als er alle Tonnen gecheckt hat, hängt Bob die Tüten an sein Fahrrad, zeigt mir seinen Fanellhemdrücken und hebt im Fortgehen kurz die Hand. Wie zum Gruß. Man kennt sich.



 
RendezVous!

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Gut, einen Freund wie M. zu treffen. Kein Facebook, keine SMS, keine Mail, auch kein Telefongespräch mit den wohlfeilen Lügen: ja, demnächst wieder und überhaupt und doch nicht. Nein, nun er sitzt vor Dir. Ein guter Freund. Du kannst ihn umarmen, ihm tief in die Augen schauen, durch seine Lachfalten wandern, dummes Zeug über noch dümmere Bücher reden und merken, daß nicht nur Du alt wirst.

Er kennt dich, lange schon. Und Du spürst das. Bis unter die Haut. Nichts ging verloren, etwas bleibt, wir bleiben. Und gut so. Denn nach der Begegnung mit so einem alten Freund komme ich trotz aller Hitze wie frisch geduscht nach Hause. Schwer belebt. Und voller Bilder. Weiß warum ich täglich in Zeilen unterwegs bin. Also setze ich mich an den Schreibtisch und schick’ ihm eine Mail. Teile mich mit. Das wird ihn freuen. Hoffe ich.

 

 

 
Crisis? What Crisis?

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Zeit für beruhigende Medikamente. Und schon wieder höhere Preise. Meine Apothekerin trägt Schatten unter den Augen: „Gruselig, diese Politiker“,  murrt sie. Ein Wort schärft das andere. Binnen weniger Minuten sind wir uns einig, daß es auf dem Jahrmarkt keine Geisterbahnen mehr braucht. Es reicht, täglich Nachrichten zu schauen.

 

 

 
Der Präsident

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Kein Atem mehr.
Und tritt zurück.
Nur Lena bleibt.
Doch wird
das reichen?

 

 

 
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Amselmorgen. Um sechs Uhr aufgewacht. Im Nebel geschwommen. Mich zwischen die Zeilen der frühen Stunde gelegt und Schweigen geübt. Später ins Offene: Lerchensang und Wind in den Wipfeln. Sonne warm im Nacken. Jeder Schritt Richtung Frühling. Soll bleiben.

 

 

 

 
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Dunkle, schwarzgelbe Tage,
an denen niemand ein Licht anzündet.
Überall nur Jammer und Westerwelle.
Ich habe mir eine Rose gekauft.
Als Stütze.

 


 
db:miniaturen 33.0

Die Passage vom Kaiser. Sitzt auf seinem Rollator, krumm genug, friert ein wenig, die üblichen Zeitungen auf den Knien, fast ganz Schöneberg läuft an ihm vorbei - Wilhelm heisst er, obdachlos irgendwie, richtet sich auf, öffnet das Gesicht wie ein verschmutztes Fenster, strahlt das Blau vom Himmel, streckt fröhlich die langen Arme aus und ruft es mir mitten ins Herz: „Mein Freund! Ein gutes neues Jahr wünsche ich Dir!“ Mancher bleibt stehen und staunt. Und ich frage mich noch ob und überhaupt. Doch da liegen wir uns schon in den Armen. Und halten uns einen Moment lang fest. Ganz fest. Dann bekommt er seinen Taler in die zitternde Hand.. Wir sprechen noch zwei Takte. Oder drei. Verlieren ein paar Worte. Und immer wieder Lachen. Ohne ihn hätte das neue Jahr keinen Anfang.

 

 
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EngelZubehrHP1

Flügel rauschen
am Krähenhimmel.
Unrasierte Engel
setzen zur Landung an.
Kinder pflücken
Zukunft vom Asphalt.
Hoffnung funkelt
rot im Glase.
Irgendwo auch Liebe.
Morgen kommt
der Weihnachtsmann.
(db)

 


 
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Was soll mir der Herbst? Was sollen mir all die Klagen? Erinnerung trägt weit. An den letzten Sonnenstrahl. Ein Lachen. Die Liebe, die mich wärmt. All das bleibt. Kein Blatt, das zu Boden fällt. Ohne ein Leuchten.

 

 

 
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Der Sommer verglüht im Sehnen nach mehr – Provence!  Die Haut spürt noch die vertraute Wärme der Steine.  Überall der blaue Duft des Lavendel und lichte Schatten des Mont Ventoux. Die Tage atmen still und der Schlaf der Vernunft wacht im Gedächtnis alter Mauern. So blätterst Du Seite um Seite. Bis auf den Grund. Heiter (auch seufzend) kehrst Du zurück in die tosende Capitale und setzt Dein Kreuz in den Sand. Nur im Spiegel ist Sonntag. Niemand hat die Wahl. Und doch!

 

 
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Am Nachmittag habe ich Edith gesehen. Auf der Straße. Mit zerrissenem Anorak, Kapuze auf dem Kopf, in Rock und Gummistiefeln. Mitten im Sommer. Stapfte mit schweren Schritten vor mir her, schob den Kinderwagen mit den vollgestopften Plastiktüten und rezitierte den üblichen Monolog: daß das Wohnzimmer geputzt werden muss, der Junge eine neue Hose braucht und Mutter sie nicht immer schlagen soll.

Irgendwann merkt Edith, daß ich schon eine ganze Zeit hinter ihr gehe, dreht den Kopf, schaut mich kurz mißtrauisch an, greift in eine der Plasiktüten und zieht ein schwer verletztes Mobiltelefon hervor. Das hält sie sich ans Ohr und spinnt umstandslos weiter: daß der schwarze Vogel noch immer bei ihr lebt und beim Sozialamt keiner auf sie hört. Monologisiert also in ihr Handy und keiner achtet mehr auf sie. Plötzlich ist Edith eine von uns. Nur daß sie noch den Kinderwagen mit den Plastiktüten bei sich hat. Aber das fällt nicht weiter auf.

 

 
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Sie fahren mit Baggern und Betonmischern vor meine Schreibstube, verstellen dem Morgen die Sicht und verstopfen mir die Ohren mit höllischem Lärm. „Schreib deine Zeilen, Poet!“, rufen sie höhnisch, halten mir riesige Ohrenschützer unter die Nase und beginnen mit der Sprengung meines Bücherregals.

"Aber wir sind doch im Schwabenlande", rufe ich, "dort wo unter dem actualiter Blau leuchtender Himmel der Dichter ruhigen Schrittes und verklärt ins Offene strebt!" Doch die wüsten Trollinger lachen nur unter ihren Helmen und rufen: „Scheiß auf Arkadien!“, drehen mir Nasen, machen obszöne Gebärden und lassen en passant schwer geladene Handies klingeln. Erst als ich meinen Füllfederhalter zücke und sie mit spitzen Bleistiften bedrohe, ziehen sie sich langsam zurück.

 
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Früh am Morgen das Aktienpaket geschnürt, zum Landwehrkanal gelaufen und die Hoffnung im Grau des Tages versenkt. Später Trauerweide, Lachen und Hölderlin: Friedlich und heiter ist dann das Alter.
 
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Schüsse fallen vor meinem Schreibtisch. Detonationen im Papierkorb. Irgendetwas in mir will flüchten - schon der Morgen macht mich fremd: wieder tobt einer dieser Kriege auf dem Bildschirm: jemand schreit um Hilfe, Kinder versteinern, Mütter heulen in düsteren Kellern, überall zertrümmerte Hoffnungen und nichts, was jetzt helfen könnte. Nur der Knopf zum Ausschalten. Solche Tage gibt es. Sie sind mir zuwider. Also schreibe ich sie auf. Und wechsele meinen Kopfverband.
 
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Kaufen soll ich. In den Konsum rauschen. Weil diese Welt die beste aller Welten ist. Mag sein. Aber Eure Welt ist nicht die meine. Meine Welt atmet und ist hungrig nach Sinn, nach Zukunft und Liebe. Also schreibe ich weiter. Laufe mir nach. Die Pudelmütze auf dem Kopf, den alten Schneeball in der Hand und eine verrückte Hoffnung im Herzen. Irgendwo auch Glockenläuten.
 
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gestern noch ohne paradies heute schon den sturm im nacken. farben flammen im herbst der zeitlosen verbrennt der schein bis keine börse mehr nirgendwo. das versengeld aber stiften die dichter.
 
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Irgendwann standen sie auf, waren das Volk und brachten keine Opfer mehr. Ihre Herzen brannten, der Herbst roch nach Aufruhr, die Nächte hatten Stasi-Länge und Christa den Knüppel im Kreuz. Egal. Das System zuckte noch ein wenig, dann verröchelte es. Die grauen Herren räumten ihre Leichen aus dem Keller, wuschen sich die Hände und nannten sich fortan Globke oder einfach nur Meier. Später starben sie, meist unauffällig. Wir aber sind, was volkt.
 
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Sonntag. Da bleibt man aneinander hängen, residiert lange in weichen Betten, schweigt zärtlich bis irgendjemand fragt: Kaffee?, dann das schwarze Gurgeln der Maschine, dazu die Zeitung, das Buch über irgendwas und schnurrende Katzen, die kleine Seufzer durch die Wohnung tragen. Später läuten die großen Glocken ihr "Vielleicht" und du verlierst dich ein wenig. Niemand soll dich finden. Heute nicht. Morgen wieder.
 
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Es sind leuchtende Tage wie dieser, die mich mit der alten Bärenstadt versöhnen. Wo sonst schwarzes Tosen die Ohren verstopft und graue Wände frieren machen, summt leise der blaue Sommer. Alle atmen ein wenig ruhiger, speichern seufzend die Wärme, keiner sucht einen Parkplatz, Journalisten verharren in gut gekühlten Sommerlöchern und im Reichstag will niemand dem Volke dienen.

Überall kahlrasierte Beine, vergilbte Postboten dösen auf Parkbänken, abgetakelte Minister spazieren in blühenden Gärten, kaum jemand scheint in Eile und Obama ist lange her. Kein Fieber schüttelt die Stadt, kein Bär steppt, niemand schreit um Hilfe. Die Freiheitsglocke tönt zur zwölften Stunde, ein Schweißtropfen stürzt lächelnd von der Stirn auf’s heiße Pflaster, niemand spricht: Vielleicht können wir jetzt verstehen.

 
miniaturen 20.0
Faul sein. Das knallrote Gummiboot vom Steg lösen und durch die Zeit gleiten. Ein wenig leichter werden, mit dem Wind reisen - den Kopf im Nacken, den Daumen im Mund. Fürchtenmachen gilt nicht. Es gibt solche Tage.
 
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Kalle ist glücklich. Steht mitten auf der Straße, schwenkt seine Fahne und sieht ziemlich entrückt aus. Hupend fahren sie links und rechts an ihm vorbei, und man muss fast Angst haben, daß irgendeiner vom Corso ihn umlegt. Aber Kalle schwenkt weiter, im Rücken die Kumpels vom „Narkosestübchen“, die sitzen auf ihren Bierbänken und johlen fröhlich. Nur Kalle ist still. Hält die Augen geschlossen und schwenkt seine Fahne. Froh wie nie. Alles an ihm glänzt. Irgendwann schwankt er zurück, ruft noch einmal mit rauher Stimme: Deutschland! in die Nacht vorm Schöneberger Rathaus, dann setzt er sich wieder. Sagt kein Wort. Jetzt kann man sehen, daß seine Augen glänzen. Richtig glänzen. Was nicht oft der Fall ist.
 
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Immer wieder diese Anrufe: Ob ich es bin?, fragt eine süßliche Robotstimme. Ja, ich bin es. Und ob ich nicht?.. es gäbe da eine SuperFlatrate, eines preisgünstiges Auto, außerdem hätte ich in der Lotterie gewonnen und die aktuelle Umfrage sei immens wichtig. Ich winke ab: Ob sie kein günstiges Angebot für eine Penisverlängerung haben? Die Stimme legt auf. Ich schreibe weiter.
 
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Gestern kam einer dieser jährlichen Rentenbescheide. Weniger ist mehr, schreiben sie. Soll schonmal Verzicht üben, Ansprüche reduzieren. In der Tonne leben, frei sein und wahrhaftig, wie Diogenes: Geht mir aus der Sonne! Das wär’s.
 
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Musikakademie. Stimmengewirr. Noch steht alles auf Anfang. Rührend, wie die alten Damen ihre stockbewehrten Herren am Arm ins Concerto führen. Irgendwo auch Räuspern. Dann wird es still: Roll over Beethoven. Im Atem der Musik verliert sich jedes Alter. Man kommt der Welt abhanden. Und findet nur schwer zurück. Was bleibt, ist der Zauber, dann wieder Sekt. Draußen müht sich der Frühling.
 
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Westfalen. Sentimentale Eichen säumen die Wege, verwegene Faltenwürfe vor blauem Horizont - nichts für Flachmänner. Warm leuchten die Farben meiner Erinnerung. Hier wuchs ich auf. Badete im Licht der Buchenwälder. Stürzte in das Glitzern kalter Bäche. Suchte Trost auf verwachsenen Pfaden. Stolperte über Wurzeln, bevor ich die meinen fand. Schwer haftet die alte Erde an meinen Füssen. Aber immer noch tanzen.
 
miniaturen 6.0
Märchen erzählen. Von dem Jungen, der seinen Hosenbund in den Kniekehlen trägt und das Basecap im Genick. Nennen wir ihn Paul. Und nehmen wir einmal an, daß Paul keine Rentner überfällt. In der U-Bahn oder sonstwo. Das ist schwer vorstellbar, aber geben Sie sich einfach mal Mühe. Paul geht also am Morgen in seine umzäunte Schule, vorbei an der schwarzen Security, rein in den vergitterten Klassenraum und niemand da. Alle im Erziehungscamp. Nur Paul nicht. Und setzt sich auf seinen Platz und wartet. Irgendwann muß der Wahlkampf ja vorbei sein.
 
miniaturen 5.0
„Was wären wir ohne unsere Frauen?“, fragt mich der alte Herr im Vorbeigehen, bleibt dann stehen, blinzelt vergnügt in die Sonne und fügt hinzu: „Ich würde nicht einmal meine Wohnungstür finden!“ Lacht und geht weiter. Seine Frau folgt ihm. Sie trägt die Schreibmaschine.
 
miniaturen 4.0
Ein Tag, kein Tag. Es dunkelt fast vierundzwanzig Stunden lang, kein Erwachen möglich. Müde lehne ich mich an die Stunden und schaue neidisch auf unseren alten Kater. Der liegt oben auf dem Bauernschrank, reckt sich ein wenig, blinzelt mir dabei lässig zu. Das wirkt. Ich hole mir einen Stuhl, steige darauf, ziehe mich ächzend hoch und lege mich vorsichtig neben ihn. Der Gestreife hebt nur kurz den Kopf, dann dösen wir gemeinsam und schnurren ein wenig. Selbst düstere Tage haben ihren Höhepunkt.
 
miniaturen 3.0
Ein Podest. Nicht zu hoch. Darauf werden alte Herren an runden Tischen serviert. Garniert mit einer jüngeren Frau im neutralen Hosenanzug. Vor ihnen liegen Bücher, Manuskripte, die sie nacheinander aufnehmen, um hineinzuschauen und vorzulesen. Wenn sie nicht lesen, sacken sie zusammen, werden ziemlich klein und sehen ein wenig traurig aus. Doch wenn sie lesen, leuchtet Erinnerung in ihren Augen. Ihre Sprache träumt Verse in den dunklen Raum, in dem all die versammelten Sinnsucher mit ihren Traumfängern warten. Auch sie sind alt, haben freundliche, mitunter bittere Runzeln im Gesicht und tragen gerne schwarz am ganzen Körper. Sie haschen gierig nach einem Wort, einem Satz, einer Silbe und glänzen froh, wenn sie Beute machen können. Dann lächeln sie den alten Herren zu, auch der jungen Frau. Erst wenn die Posaune erklingt, weicht der Zauber. Nun stehen alle beisammen, rauchen, trinken und polieren ihre Träume noch ein wenig. Nach Mitternacht schwanken sie nach Hause. Alle ein wenig jünger.
 
miniaturen 2.0
Ich kenne das Kind nicht, aber es trägt vielleicht eine Brille und lebt in einem Heim am Rande der Stadt. Das Heim hat ein spitzes Dach und mehrere Fenster, aus denen man hinausschauen kann. Manchmal wacht das Kind des Nachts auf und spürt, daß es am Rande kälter ist als anderswo - wer am Rand lebt, wird nicht von der Zentrale beheizt und hat stets seine Würde in einer Plastiktüte bei sich zu tragen, weil sie vielleicht noch einmal gebraucht wird. Das Kind lebt schon lange am Rand. Irgendwer hat vergessen es abzuholen.
 
miniaturen 1.0
Einen Schal vom britischen Hoflieferanten Burberry, ausgerechnet – wo sie den wohl gefunden hat? Neben einem dieser Luxusschlitten vielleicht, die die Berliner Aktivisten seit Neuestem so gern „plätten“. Der Schlitten, sagen wir es war ein schwäbisches Modell, fuhr neulich vor der nahe gelegenen Bankfiliale vor, eine Frau mit Brille, eine Dame wohl, stieg aus und der teure Schal rutschte ihr vom Hals. Und merkte es nicht. Aber Anna. So könnte es gewesen sein. Und jetzt sitzt die Anna auf der hölzernen Bank im Park inmitten all ihrer Plastiktüten, flucht wie immer leise vor sich hin und hat diesen karierten Burberry-Schal um den Kopf gebunden. Verdammt gut sieht sie damit aus. Sage noch einer, der Aufschwung käme unten nicht an!